Im Dezember 2016 sagte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Rede bei der Deutsch-Französischen Digitalkonferenz: "Ich denke, dass die Fähigkeit zum Programmieren eine der Basisfähigkeiten junger Menschen neben Lesen, Schreiben, Rechnen wird." Die Begriffe "Künstliche Intelligenz" oder KI kamen in der Ansprache nicht vor.
Nicht ganz zehn Jahre später antwortete Bundesdigitalminister Karsten Wildberger in einem "Bild am Sonntag"-Interview (externer Link; möglicherweise Bezahl-Inhalt) auf die Frage, wo KI die Arbeitsplätze ersetzen könnte: "Eine KI kann heute unglaublich gut programmieren. Vor ein paar Jahren haben wir gesagt: Jeder muss programmieren lernen. Aber heute werden viele Programmierjobs durch eine KI ergänzt und gegebenenfalls auch ersetzt."
Macht Informatik noch Sinn?
Es ist nicht das erste Anzeichen, dass die Verbreitung von KI in der Arbeitswelt nicht zuletzt Programmieren das Arbeitsleben schwer machen könnte. Schon im vergangenen Sommer gab es Hinweise aus den USA, dass gerade Einsteiger in IT-Berufen es auf dem Arbeitsmarkt schwer hätten.
Auch an der OTH Regensburg registriert man in der Studien und Bewerbungsberatung derzeit vereinzelt Unsicherheiten und Zurückhaltung bei Informatikstudierenden. So mancher setzt aktuell lieber einen weiterführenden Master und verschiebt den Berufseinstieg. KI dürfte für die Flaute bei IT-Jobs nicht der Hauptgrund sein.
Und dennoch: Macht es überhaupt noch Sinn, eine Lehre oder ein Studium als Informatiker anzufangen oder zu Ende zu bringen?
Klares Ja zur Informatik in KI-Zeiten...
Die Studienberater der OTH Regensburg sagen auf BR24-Anfrage: "Klare Antwort: Ja." Informatiker seien ohnehin nicht primär Programmierer. "Das Berufsbild umfasst deutlich mehr: das Verstehen komplexer Systeme, das Modellieren von Prozessen, das Analysieren von Daten, das Bewerten von Technologien sowie das Entwickeln tragfähiger digitaler Lösungen", erklärt eine Sprecherin der Hochschule. Informatik sei eine Schlüsselkompetenz für nahezu alle Zukunftsbranchen – gerade auch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz.
Ähnlich sieht man das bei der Industrie- und Handelskammer (IHK), laut der Fachinformatiker 2025 der viertbeliebteste IHK-Ausbildungsberuf in Bayern war. "Grundsätzlich ist es in einer immer mehr von Daten, Digitalisierung und Automatisierung getriebenen Arbeitswelt weiterhin für viele Berufsanfänger eine gute Idee, eine Ausbildung in einem IT-Beruf zu erwägen und damit grundlegende und breit anwendbare Kompetenzen zu lernen", so eine Sprecherin der Münchner IHK.
Auch der Ausbildungsbetrieb Siemens stößt ins gleiche Horn: "Wir wissen, dass Künstliche Intelligenz einen Großteil der heutigen Aufgabenprofile und Rollen verändern wird. Zukünftig werden stark routine-lastige Aufgabenprofile weiter abnehmen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Talenten, die technisches Know-how mit KI-Kompetenz, Domänenwissen, kritischem Denken und Kommunikationsfähigkeit verbinden", so der Konzern auf BR-Anfrage.
...und ein klares Aber
So eindeutig und einhellig das Plädoyer für IT-Berufe ausfällt, lässt sich doch auch ablesen, dass dem Berufsfeld (wie vielen anderen auch) spürbare Veränderungen ins Haus stehen. Siemens verweist diesbezüglich auf knapp 450 Millionen Euro, die man 2025 weltweit in Aus- und Weiterbildung von Mitarbeiter investiert habe. Auch die IHK verweist darauf, dass man in der Aus- und Weiterbildung schon viele Strukturwandel erfolgreich begleitet habe. Die OTH Regensburg erklärt: "Wer heute Informatik studiert, qualifiziert sich nicht für einen einzelnen Job, sondern für ein langfristig sehr breites und wandlungsfähiges Berufsfeld."
Wer heute als Informatikstudent oder Fachinformatiker-Azubi in die Lehre einsteigt, sollte im besten Fall also nicht davon ausgehen, die Jahrzehnte bis zur Rente mit dem Schreiben von Code zu verbringen, sondern darauf gefasst sein, dass sich sein Berufsbild – wie in vielen anderen Bereichen – immer wieder teils stark verändern wird.
Das verlangt viel Anpassungsbereitschaft. Auch aber keineswegs nur in der IT und sonstigen digitalen Berufen, wie auch der Digitalminister im "BamS"-Interview klar macht: "Die Zeiten, dass man darauf spekulieren kann: 'Ich habe einen Job für die nächsten 30 Jahre' – so schön das ist, die sind vorbei. Es wird auch darum gehen, die Menschen daran zu führen, dass man immer lernen kann, auch unabhängig vom Alter. Und das wird auch Teil des Bildungssystems sein."
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