Ein Start-up-Büro mitten in Berlin. Junge Menschen, viele Computer, helle, offene Räume und mittendrin die Neurowissenschaftlerin Sarita Silveira Teja. Sie wird verkabelt, bekommt ein Stirnband mit vielen Messstellen angeklebt. Damit können Hirnströme erfasst werden.
- Zum Artikel: Bayern bei Start-up-Gründungen auf Platz 1
Heute will die Firma Zanderlab zum ersten Mal ihre neue Hirn-Computer-Schnittstelle mit einem Chatbot verbinden. Schon seit über 20 Jahren forscht Thorsten Zander, Professor für neuroadaptive Mensch-Technik-Interaktion, daran, wie Mensch und Maschine besser zusammenarbeiten können. Zander ist überzeugt: Sein Ansatz werde die Künstliche Intelligenz revolutionieren.
Kommt genug Risikokapital zusammen?
Seine innovative Geschäftsidee: der Künstlichen Intelligenz "beizubringen", wie Menschen empfinden und die Welt wahrnehmen.
"Die Künstliche Intelligenz kann uns nicht verstehen, sie hat keine Form der Empathie, keine Idee, was Ethik bedeutet, was Moral bedeutet und genau da setzen wir an und das sind wir eben sehr weit voraus." Prof. Thorsten Zander, Lehrstuhl für Neuroadaptive Mensch-Technik-Interaktion, Universität Cottbus
Sein Projekt hat einen Forschungsauftrag von der Cyberagentur des Bundes in Höhe von 30 Millionen Euro bekommen. Die größte Forschungsfinanzierung eines einzelnen Projektes, die es in Europa je gab. Ob sein System inzwischen funktioniert und wie die EEG-Signale von der KI genutzt werden, soll ein Test der Neurowissenschaftlerin Sarita Silveira Teja zeigen.
Die Forscherin stellt einem herkömmlichen Chatbot dieselben Fragen wie der mit Silveira Tejas Gehirn gekoppelten KI. Das Ergebnis: Die KI von Zanderlab liefert Antworten, die besser auf die Testperson abgestimmt sind. Jetzt braucht Prof. Zander Geld, um sein Produkt zur Marktreife zu führen. Seine Sorge: In Europa könnte nicht genug Risikokapital zusammenkommen, um ein fertiges Produkt zu entwickeln. Er befürchtet, am Ende könnten amerikanische oder chinesische Investoren seine Idee aufkaufen.
Gibt es zu viele zuständige Ministerien?
Der Verband der Internetwirtschaft äußert Kritik: "In den USA und China werden Start-ups bis zum Markteintritt auch staatlich gefördert, in Europa nicht," sagt Geschäftsführer Alexander Rabe. Sein Verband hat Ministerien aufgelistet, die sich mit der Förderung und der Regulierung der IT-Branche befassen. Das Ergebnis: Etliche beschäftigen sich mit der Regulierung von Förderung von KI: "Das bietet keine Orientierung und das ist ein regulativer Dschungel", sagt der Verbandschef.
Rabe fordert daher eine zentrale Anlaufstelle, die etwa im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung angesiedelt sein könnte, das im letzten Jahr neu gegründet wurde.
Auf Anfrage von report München antwortet die Pressestelle des Digitalministeriums, KI sei ein Querschnittsthema. Jedes Ministerium fördere gemäß dem Ressortprinzip in seinem fachlichen Zuständigkeitsbereich. Eine Abstimmung erfolge über die Forschungsfrühkoordinierung, um Doppelförderungen zu vermeiden.
Die Bundesforschungsministerin Dorothee Bär teilt auf unsere Anfrage mit, sie wolle "Innovationsakteure von Förderbürokratie entlasten." Offen lässt das Ministerium, wie das in der Praxis umgesetzt werden soll.
Wettbewerbsnachteil durch Bürokratie?
Das Münchner Unternehmen Quantum Diamonds hat Mikroskope entwickelt, die in Mikrochips kleinste Fehler erkennen können – ein weltweit einzigartiges Verfahren, das Chipherstellern nach Aussage des Unternehmens viel Geld sparen könnte.
Obwohl bei der Firma Bestellungen aus aller Welt vorliegen, kann Quantum Diamonds noch nicht mit der Produktion beginnen. Der Grund: Es fehle noch eine Unterschrift, sagt der Gründer Kevin Berghoff, damit die Förderung endgültig genehmigt sei.
"Niemand schläft, alle drücken auf die Tube und wir müssen mit der Geschwindigkeit Schritt halten." Kevin Berghoff, CEO und Co-Founder Quantum Diamonds
Helmut Krcmar, Professor für Wirtschaftsinformatik an der TU München, sagt: Deutschland könne bei innovativer Grundlagenforschung zwar weltweit mithalten, wenn es aber darum gehe, mit guten Ideen Geld zu verdienen, dann würden deutsche Start-ups abgehängt.
"Sie kriegen das Geld halt nicht, und sie stehen dann vor der Wahl, dass sie einfach aufhören oder dass sie das Geld woanders herholen." Prof. Helmut Krcmar, Wirtschaftsinformatiker, TU München
Am Ende übernähmen häufig ausländische Investoren das Geschäft. Das fürchtet auch Thorsten Zander. Er hofft auf europäische Geldgeber für sein Start-up. Bisher ohne Erfolg. Erste Absagen hat er schon bekommen. Amerikanische Firmen aber würden sofort bei ihm einsteigen, sagt er.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!

