Ein Kind liegt mit dem Handy in der Hand in einer Hängematte. Auf dem Handy ist die App "Tiktok" offen.
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Ein Kind liegt mit dem Handy in der Hand in einer Hängematte. Auf dem Handy ist die App "Tiktok" offen.

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Handy-Sucht bei Kindern: Welche Verantwortung tragen Eltern?

Immer mehr Kinder und Jugendliche zeigen eine problematische Nutzung von Streaming-Diensten oder Social Media. In den Kommentaren fordern Teile der BR24-Community klare Regeln und Kontrolle. Aber auch, dass Eltern eine Vorbildfunktion einnehmen.

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Endloses Scrollen durch Instagram- oder TikTok-Feeds, automatische Wiedergaben auf Videoplattformen oder Gespräche mit Chatbots anstatt mit Freunden oder Eltern: Immer mehr Kinder und Jugendliche zeigen laut einer aktuellen Studie bei der Internetnutzung ein problematisches Verhalten.

Mehr als 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche betroffen

Insgesamt sind demnach bundesweit mehr als 1,3 Millionen junge Menschen betroffen. Rund 21 Prozent der zehn- bis 17-Jährigen wiesen ein riskantes Nutzungsverhalten auf. Die krankhafte Nutzung erreicht laut der Studie mit weiteren vier Prozent der Kinder und Jugendlichen den bislang höchsten gemessenen Wert.

Für Kinder und Jugendliche sei das Smartphone ein zentraler Kommunikations- und Informationsraum, erklärt Jutta Schirmacher, Stiftungsreferentin der BLM Stiftung Medienpädagogik Bayern. "Hinzu komme, dass viele Apps gezielt so gestaltet sind, dass sie Aufmerksamkeit binden", das gelte für Kinder wie Erwachsene.

Das Thema bewegt auch die BR24-Community: In der Kommentarspalte fordert ein Teil ein gesetzliches Social-Media-Verbot, wie es etwa in Australien der Fall ist. Andere Nutzer finden, dass die Eltern Verantwortung übernehmen und die Mediennutzung ihrer Kinder regulieren sollten.

Sind Eltern selbst viel am Handy, kann es auch Kindern schaden

Eltern auf Spielplätzen, die in ihr Handy schauen, während ihre Kinder rumtoben, oder Eltern, die während eines Spaziergangs telefonieren oder Nachrichten schreiben: Diese Bilder sind mittlerweile keine Seltenheit.

BR24-User "sowieso" kommentiert: "Kinder sitzen schon im Kinderstuhl mit dem Pad beim Essen... Eltern schieben mit dem Handy vor der Nase Kinderwägen (...) Teenager scheinen da einen klareren Blick auf die Sache zu haben als ihre Eltern. Ich hoffe, dass diese es einmal besser machen, was Erziehung mit elektronischen Endgeräten angeht".

"Kinder beobachten sehr genau, wann Erwachsene zum Handy greifen, wie oft Gespräche unterbrochen werden und ob das Smartphone ständig präsent ist", sagt Schirmacher. Das heiße nicht, dass Eltern ihre Smartphones aus dem Alltag verbannen müssten. "Entscheidend ist, ob Eltern einen reflektierten Umgang vorleben: also zeigen, dass man erreichbar sein kann, ohne permanent online zu sein; dass es Situationen gibt, in denen das Gegenüber wichtiger ist als das Display." Auch Regeln, die für alle Familienmitglieder gelten, wie "kein Handy beim Essen" würden helfen.

Kinder, deren Eltern häufig am Handy waren oder sind, zeigen laut einer Studie [externer Link] aus Australien geringere kognitive Fähigkeiten, eher emotionale Probleme sowie Verhaltensauffälligkeiten und verhielten sich insgesamt weniger sozial. Außerdem verbringen diese Kinder laut der Studie selbst viel Zeit vor Bildschirmen.

Staatliche Kontrolle oder elterliche Erziehung?

Doch wer ist in der Pflicht, das zu ändern: die Eltern oder der Staat? BR24-User "Der_Magister" schreibt: "Eltern müssen einfach bereit sein, zu erziehen. Da braucht es keine Verbote vom Staat." Es brauche "klare Nutzungszeiten" und "Kontrolle der Dauer der Internetnutzung". Ähnlich sieht es "Wanda": "(...) Die Eltern sollten vielleicht ihr eigenes Handy mal beiseitelegen und (...) zeigen, dass es auch anders geht."

User "PudelNase" nimmt die Perspektive der Eltern ein: "Wer hier meint, Eltern müssten das einfach allein regeln, hat entweder keine Ahnung oder keine Kinder in dem Alter. In der Praxis ist es ein Kampf gegen Windmühlen. (...)" Der Nutzer fordert klare gesetzliche Rahmenbedingungen, ähnlich wie bei Drogen oder Pornografie.

Pauschale Verbote würden das eigentliche Problem selten lösen, so Jutta Schirmacher. "Medienpädagogisch geht es nämlich nicht nur darum, Risiken fernzuhalten, sondern Kompetenzen aufzubauen." Für Schulen seien daher klare, verbindliche, altersgerechte Regeln sinnvoll.

"Die Herausforderung für Eltern ist enorm, weil das Smartphone heute tief in Freundschaften, Freizeit und oft auch in den Schulalltag eingebunden ist", sagt Schirmacher. Auch sei nicht jede intensive Nutzung automatisch problematisch und mit Sucht gleichzusetzen. Eltern würden schnell in Widersprüche geraten, wenn sie Begrenzung verlangen, selbst aber stark ans Handy gebunden sind.

Wie können Eltern ihre Kinder schützen?

Was können Eltern tun? In der Kommentarspalte schreibt "Anderson", dass es heutzutage leichter wäre als noch vor einigen Jahren, entsprechende Sicherheitstools für Kinder zu aktivieren, "(...) weil Computer und Handy ab Werk spezielle Kinderprogramme integriert haben. Wer sich nicht selber auskennt, muss sich halt Hilfe ergoogeln oder suchen".

Tipps für Eltern gibt es viele. Das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (externer Link) rät zum Beispiel Erziehungsberechtigten dazu, feste Zeiten für die Mediennutzung mit den Kindern zu vereinbaren. Wichtig sei auch, für Ausgleich zum Medienkonsum zu sorgen, etwa durch gemeinsame Ausflüge oder andere Aktivitäten.

"Wichtig ist aus meiner Sicht eine Mischung aus Beziehung, Regeln und Vorbildverhalten", sagt Schirmacher. Eltern sollten sich zunächst auch ehrlich dafür interessieren, was ihr Kind am Handy eigentlich mache und welche Bedeutung das Gerät im Alltag habe. "Wichtig ist: im Gespräch bleiben, Erzählungen der Kinder nicht abwerten und das Gefühl vermitteln, dass die Eltern immer ansprechbar sind – vor allem, wenn mal etwas Ungutes passiert ist."

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