ARCHIV - 29.12.2025, USA, Palm Beach: US-Präsident Trump empfängt Israels Ministerpräsident Netanjahu
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Alex Brandon

Die Aussagen von US-Präsident Trump und Israels Regierungschef Netanjahu driften zusehends auseinander.

Per Mail sharen
Artikel mit Audio-InhaltenAudiobeitrag

Trump und Netanjahu: Führen sie noch den gleichen Krieg?

Die Aussagen von US-Präsident Trump und Israels Regierungschef Netanjahu driften zusehends auseinander. Wie lange soll der Nahost-Krieg noch dauern? Welche Ziele gelten? Trump will offenbar "raus", Netanjahu dagegen "drin" bleiben. Eine Analyse.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio am .

Donald Trump hatte es schon vor seiner Rede an die Nation betont: Der Iran-Krieg werde noch "vielleicht zwei Wochen, vielleicht ein paar Tage länger" dauern. Für einen Rückzug der USA müsse es nicht einmal einen "Deal" mit dem Iran geben. "Wenn wir das Gefühl haben, dass sie für lange Zeit in die Steinzeit zurückversetzt sind und sie nicht in der Lage sein werden, eine Atomwaffe zu entwickeln, dann werden wir gehen", so Trump im Weißen Haus.

Es scheint das einzige verbliebene Kriegsziel für den US-Präsidenten zu sein: die Fähigkeit des Iran, eine Atombombe zu bauen, möglichst weit einzuschränken. Der innenpolitische Druck in den USA, der gestiegene Ölpreis und die schwankenden Börsenkurse sorgen offenbar dafür, dass Trump inzwischen vor allem eins will: raus aus diesem strategisch nicht zu Ende gedachten Kriegsabenteuer.

Netanjahu spricht weiter von Regimewechsel

Ganz anders klingt Benjamin Netanjahu. Der israelische Regierungschef, der vor Kriegsbeginn wohl Trumps wichtigster Einflüsterer war, sagte dem US-Sender Newsmax, der Krieg sei mehr als zur Hälfte erledigt, "im Hinblick auf die Missionen, nicht unbedingt im Hinblick auf die Zeit". Netanjahu will die Militärschläge auf den Iran offenbar deutlich länger als Trump fortsetzen.

Zu den Zielen, die bisher erreicht wurden, zählte Netanjahu, "tausende" Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden getötet zu haben. Zudem stehe man kurz davor, "ihre Rüstungsindustrie zu zerstören", womit offenbar die gesamte industrielle Basis, die Produktion weitreichender Raketen und auch das iranische Atomprogramm gemeint war. Netanjahu sprach im Trump-nahen Sender Newsmax auch weiter vom Ziel eines Regimewechsel im Iran: "Ich denke, dieses Regime wird von innen heraus zusammenbrechen".

Israel sieht Libanon als zweiten Kriegsschauplatz

Israel will zudem nicht nur die militärischen Fähigkeiten des Iran möglichst vollständig zerstören. Das gleiche Ziel gilt für die von Teheran unterstützte Hisbollah-Miliz im Libanon, dem nördlichen Nachbarland Israels. Verteidigungsminister Israel Katz und Netanjahu selbst haben wiederholt angekündigt, dass dieser zweite umfassende Kriegsschauplatz über längere Zeit ein solcher bleiben wird.

Offenbar will Israel nach einer breit angelegten Bodenoffensive eine rund 30 Kilometer breite Zone im südlichen Libanon dauerhaft besetzt halten und einen Großteil der zivilen Infrastruktur dort zerstören. Selbst wenn Trump nun - im Umkehrschluss zum Kriegsbeginn – Netanjahu zu einem möglichst schnellen Kriegsende im Iran drängen würde, eine langfristige Fortsetzung des Libanon-Kriegs scheint für die israelische Regierung ausgemachte Sache zu sein.

Trump bleibt vor allem eins: unberechenbar

Vieles bleibt unsicher, Trump hat mit der Entsendung von US-Bodentruppen in die Region auch den Weg zur weiteren Eskalation im Iran offengehalten. Ob er sich von der Option punktueller Einsätze von US-Spezialtruppen – sei es zur Einnahme einzelner Inseln, sei es zum noch riskanteren Versuch, angereichertes Uran zu bergen – schon verabschiedet hat, bleibt offen. Die einzige Konstante in Trumps Verhalten ist seine Unberechenbarkeit. Doch vieles deutet darauf hin, dass der US-Präsident ein möglichst schnelles Kriegsende will, der israelische Regierungschef dagegen genau dieses fürchtet.

Aus Sicht des Politikwissenschaftlers Klemens Fischer von der Universität Köln könnten sich beide Positionen aber zumindest überlappen. "Die USA wollen und müssen aus diesem Krieg heraus", betonte Fischer im BR24-Interview. Für Israel blieben dann zwei Optionen: Netanjahu könnte das iranische Regime weiter allein bekämpfen, so Fischer. Oder aber Netanjahu erklärt den Iran ebenfalls als ausreichend geschwächt und konzentriert sich auf den Libanon: "Man hat eine zweite Front, den Libanon, wo man nahezu ungestört von der Außenwelt mit der Hisbollah kämpft und auch bis zum Litani-Fluss eine Art Pufferzone einrichtet. Das heißt, Israel hätte einen Kriegsschauplatz, den es weiter alleine bedienen kann, ohne amerikanische Hilfe." Damit könnten die Amerikaner hoffen, dass Israel mitziehe, wenn Trump den Iran-Krieg für beendet erklärt, so Fischer bei BR24.

Und wo bleibt Europa?

Für die Europäer bleibt die Lage in jedem Fall prekär. Macht Trump seine Ankündigung wahr, die Straße von Hormus sei nach Kriegsende nicht mehr das Problem der USA, könnte auch Deutschland unter Zugzwang geraten. Schließlich hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nach einem Kriegsende Hilfe zur militärischen Absicherung von Öltransporten in Aussicht gestellt. Der britische Premier Keir Starmer hat bereits eine internationale Konferenz zur künftigen Sicherung der Straße von Hormus angekündigt.

Vor allem mit Blick auf die Sicherheit in Europa selbst könnte es bald endgültig ans Eingemachte gehen: Trump droht aus Enttäuschung über mangelnde Hilfszusagen der Europäer im Iran-Krieg erneut mit einem Nato-Austritt. Selbst bei formalem Verbleib der Nato-Führungsmacht USA im Bündnis erscheint das Beistandsversprechen im Fall eines Angriffs auf Nato-Gebiet fragwürdiger denn je – von künftiger US-Unterstützung für die Ukraine ganz zu schweigen. Dass für Deutschland auch das Verhältnis zu Israel mit einem langanhaltenden Libanon-Krieg immer schwieriger wird, erscheint da eher als kleineres Problem am Rande. Der Iran-Krieg hat die europäische Sicherheit noch mehr ins Wanken gebracht.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!